Gestern am Bahnhof

Ich bin entlarvt. Nun kann ich mich nicht mehr frei in jede Kneipe setzen und irgendwelche Handlungsreisenden anquatschen, wie es ja so meine Art ist. Gestern schaffte ich es wieder einmal meinen Zug um eine Minute zu verpassen. Und schon hatte ich eine geschenkte Stunde Zeit, die ich für einen nächtlichen Spaziergang durch das postindustrielle Kiel nutzen konnte. Da es selbst den Enten auf der Förde deutlich zu kalt war, flüchtete ich mich dann aber doch sehr schnell in die heimelige Bahnhofshalle mit ganzen Horden von offensichtlich zufriedenen Kinogängern. In meiner dortigen Stammkneipe, ich besuchte sie schon zum zweiten Mal, machten mir drei Herren einen Barhocker frei. Nachdem ich erst in meinem völlig abgewrackten Alditimeplaner blätterte, zog ich schon nach wenigen Minuten fachfraulich mein Nokiahandy aus der Tasche und versuchte zum xten Mal mich in Twitter einzuloggen. Nebenbei lauschte ich eifrig den fachkundigen Fußballkommentaren und erfuhr, dass die Herren neben mir bei der HSH als externe Berater arbeiteten. Es entstand eine Diskussion mit einem dritten Herrn, ob man bei der HSH ein Konto eröffnen könne. Ich klugscheisserte und brachte mich damit schnell ins Gespräch. Man spielte das fröhliche Was bin ich Spiel und da kams:

Der nicht HSH Mensch, entlarvte mich: Ich glaube Sie sind in der Politik. Ich habe sie schon mal gesehen im Schleswig-Holstein Magazin im November letzten Jahres. Ich kenne Sie. 

Oje, es gibt Menschen, die tatsächlich die eine Minute Bericht über meine Wahl als Landesvorsitzende gesehen haben.  Also kein weiteren Rotwein bestellt. Nettes Gesicht. Freundliche Worte zum Abschied. Auch für den Herrn, der nun wieder nach Afghanistan fahren wird und vielleicht lieber eine Politikerin einer anderen Partei kennengelernt hätte.

Atomenergie nur für die Guten

Es fällt mir nicht leicht Kritik an meinem persönlichen Shootingstar Barak Obama zu üben. Obwohl, auf der Attraktivitätsskala hat er auch schon rein optisch deutlich abgenommen. Muss ganz schön stressen das Amt. Klar wünsche ich mir immer noch, dass er mit seiner Gesundheitsversicherung durchkommt. Aber…

Nun will Obama das Klima mit Atomenergie retten. Das ist ja schon der erste Humbuk. Statt in eine gefährliche, ineffektive und auch nicht wirklich klimafreundliche Energie zu investieren, sollte er das Geld lieber in den Ausbau der Erneuerbaren stecken. Schließlich weiss auch er noch nicht wohin mit dem Müll. Die Dame aus Alaska wird ihm den Müll sicher nicht abnehmen. Zumal das ewige Eis bei allen Bemühungen den Klimawandel zu stoppen ja auch nicht so richtig lange mehr halten wird.

Der absolute Hohn ist jedoch, das heute bei Google direkt über der Nachricht zur amerikanischen Atomenergie eine säbelrasselnde Hilary vor dem atomaren Wettrüsten im Nahen Osten warnt. Also die sogenannten Schurkenstaaten sollen doch bitte schön gar keine gefährliche Technologie erhalten. Atomkraft ober friedlich oder militärisch ist ein Segen für Klimaschutz aber nur bei den Guten…..

97 Tage Landesvorsitzende

Nun bin ich “es” also wirklich 96 Tage. Und ich war seitdem noch keinmal beim Friseur. Jetzt reichts. Ich will was ändern. Alte Zöpfe abschneiden. Rote Zora verkörpern.

Vielleicht fällt mir dann auch ein, wie ich die Welt ändern kann. Mein sizilianischer Friseur ist da allerdings kein guter Ratgeber. Er liebt nur sich selbst und den HSV. Beides teile ich nicht.

Dafür wühlt er mir eine geschlagene Stunde in den Haaren rum und meistens mit gutem Erfolg. Also Wellness mit Kopfputz, was will man mehr. Ein bisschen Zuwendung braucht jeder Hund.

95 Tage Landesvorsitzende und 100 Tage Regierung

Fast 100 Tage. Das ist ja was. Manche Regierungskoalitionen sind schon nach 100 Tagen so marode und zerstritten. Wir können natürlich auch leicht reden, wir sind ja in der Opposition und da trägt man und frau ja keine Verantwortung, sondern kann nur schön meckern. Doch das Spannende ist, dass ich uns viel kreativer, aktiver, gestaltender empfinde als die sogenannten Regierungen. Wir müssen ja auch keine echte Oppositionspresse machen, dafür sorgte ja in der FDP Herr Kubicki und die CSU unterstützt uns ja auch sehr.

Wie gut, dass wir uns dadurch voll darauf konzentrieren können, neue Konzepte für das Land zu entwickeln. Wer sonst?

Des einen Freud, des anderen Leid

Ich bin eine Voyeuristin. Und das kann ich nicht nur daran festmachen, dass ich wie viele Menschen auf der Welt Brennpunkte zu Erdbeben, Attentaten und Flutwellen schaue und mir die  erschreckenden Bilder leidender Mitmenschen ansehe. Nein, es ist noch schlimmer. Ich weide mich am Leid: Am Vogelfutterhaus.

Draußen sind gefühlte minus 20 Grad und das trotz globaler Erderwärmung. Ich glaube der Klimawandel will uns noch einmal so richtig zeigen, was ein  schöner Winter ist. So kalt, dass selbst die “hartgesottenen endlich- mal- echter- Winter- Menschen” nun die Schnauze voll haben.

Rotkehlchen

Mich freuts! Weil— meine Vögel haben Hunger. Alle Jahre wieder verhänge ich meine Terrasse mit Vogelhäusern, Meisenringen und anderen Leckererein. Verscheuche Nachbarskatzen mit Pfefferspray und schimpfe mit unserem Hund, der die ausgelegten Äpfel klaut. Doch der Erfolg ist meist mau. Stundenlang sitze ich am Frühstückstisch und schiebe die Arbeit vor mir her, um auch ja nicht das Rotkehlchen oder die Meise, die einmal täglich vorbeihuscht zu verpassen.

Das ist nun alles anders. Ich bin hier die Herrscherin der Sonnenblumenkerne. Aufgeplusterete aber sicher schon halb verfrorenen Vögel belagern meine Futterplätze. Endlich muss ich mir keine Sorgen um die artgerechte Fütterung machen. Das Futter hat keine Chance zu vergammeln. Der Frost ist mein Verbündeter. Auf der NABU Seite erfahre ich, dass Vögel täglich 10% ihres Gewichtes durch die Kälte verlieren. ALso dringend nachschieben müssen. Das ist meine Chance. Nun kann ich den ganzen Tag Vögel beobachten (und hab wieder eine Ausrede nicht zu arbeiten).

Wie gemein! Die Vögel leiden und ich bin die Nutznießerin! Aber im Fühling werden sie es mir heimzahlen. Dann verkriechen sie sich im Nistkasten und verdrecken mir das Terrassendach als Einflugschneise. Die Verdauungsrache sozusagen!

Neujahrsempfang mit Jagdhorn

Wer hat eigentlich was gegen Jagdhörner? Ich schon gar nicht. Schließlich entstamme ich einer Jägerfamilie. Mit Treibjagd und allem. Hab mich auch selbst schon am Halali vergangen. Als dann aber beim Neujahresempfang zum Schüsseltreiben gerufen wurde, Herr Carstensen nannte es sehr wenig waidmännisch Ruf zum Essen, da wurde es doch skuril. Gab es doch tatsächlich Rehbraten. Was tatsächlich sehr lecker war. Doch welche Bedeutung hatte dieses Jagdambiente? Welche Botschaft gibt uns die Regierung da für 2010 mit auf die Jagd? Dass Herr Carstensen vergeblich den Steuern in Berlin nachgejagd ist, wissen wir. Dass die FDP mit Ihren Steuerplänen die Kommunen und das Land in die Pleite jagd, wissen wir auch.

Waren wir Gäste eigentlich die Jäger oder die Gejagten?

30 Jahre Grün

Eigentlich bin ich ein Mensch, der sich sehr für Geschichte interessiert. Ja, ich habs sogar mal studiert. Aber heute an “unserem” Geburtstag nerven mich die Rückblicke auf die Parteiengeschichte. Und zwar nicht, weil ich die Kommentare alle falsch finde. Ja - wir haben uns in der Gewaltfrage verändert, ja - unsere Strukturen sind bürokratischer, manche sagen professioneller geworden, ja -  wir sind “regierungsfähig”. All das mag man bedauern oder sich daran erfreuen. Eigentlich doch egal. Iss so.

Ich möchte viel lieber unsere Gegenwart als Partei und unsere Zukunft betrachten. Diese Debatte um verkaufte Werte finde ich eigentlich überflüssig. Wenn die Grünen sich nicht verändert hätten, wären sie rückwärtsgewandt oder stecken geblieben.

Bin gespannt auf die 50 Jahre Presse, falls ich sie erlebe.

“Ein halbes Jahrhundert Grün, die Partei, die die Gesellschaft veränderte: Gemeinsames Lernen, 100% erneuerbare Energie und eine gerechte Einkommes- und Vermögensverteilung; Gesundheit und Pflege staatlich finanziert; Kulturell weltoffen und international verantwortlich handeln, mit friedensstiftenden Maßnahmen und nicht mit militärischen Einsätzen ”

Das ist meine Vision für die nächste Geburtstagspresse. Und ich werde dafür arbeiten.

Schneefrieden

Am Wochenende wurde in einer politischen Diskussion das Thema Entschleunigung in die Runde geschmissen. Wir arbeiten zu viel und zu schnell, jedenfalls diejenigen, die Arbeit haben. Wir essen schnell und kochen selten. Wir reden schnell und hören nicht zu.

Heute liegt der Schnee so hoch, dass ich entschieden habe, das Haus nicht verlassen zu können. Also kochen aus dem was an Vorräten noch da ist. Es gibt Brotpudding aus alten Brötchen. Sparsam und lecker. Keine schnellen Erledigungen. Selbst der Weg zur Waschküche ist schon dicht. Nur das Rotkehlchen wird heute von mir bedient.

Alles läuft etwas ruhiger mit einer Schneedecke. Könnte gerne noch ein bisschen so bleiben eh wir dann im Matsch versinken…

“Auch der schönste Schneemann ist im Frühling eine Pfütze.“  Hans Kasper


Keine Angst vor Körperscannern

Bei meinem letzten Einchecken ( ja ich reise trotz Klimasünde auch ans Mittelmeer - schäm) war hinter mir eine Familie mit drei Kindern. Ausgerüstet mit nicht ausgetrunkenen kleinen Wasserflaschen. Na dachte mein mitleidiges Herz “ob das wohl gut geht”. Meine Flasche war brav entleert und ich freute mich schon auf die Qual in den Toiletten beim Nachfüllen. Die Wasserhähne sind nämlich regelhaft so angebracht, dass eine Flasche nicht darunterpasst und außerdem hat das Wasser meist angenehme 25 Grad. Lecker! Aber nachdem ich einmal 3,50 Euro für eine kleine Flasche Wasser gelöhnt hatte, bin ich nicht mehr wählerisch.

Also am Checkpoint ging es lustig weiter. Mein Rucksack wurde zweimal durchgescannt, weil ich vergessen hatte das Notebook vorher rauszunehmen. Komisch nur, dass auch beim zweiten Mal wieder die Nagelschere nicht moniert wurde. Außerdem besitze ich noch ein winziges Taschenmesser, dass an meinem Schlüsselbund hängt, das auch als nicht gefährlich eingestuft wurde. Gut, dachte ich, kein Wasser aber Stichwaffen.Einen kleinen Moment wurde mir ob dieser Sicherheitslogik mulmig.

Mittlerweile entspann sich bei den Kunden hinter mir eine Diskussion. Auf der letzten Reise hätten die Kinder ein Getränk mitnehmen dürfen. Ja sagt der Zollbeamte, da hätten sie wohl die Altersgrenze von sechs Jahren noch nicht erreicht. Flüssigkeiten im Gepäck oder am Körper sind also per se gefährliche Objekte, aber nicht gänzlich zu verhindern für Babys oder Menschen mit Behinderungen, wie künstlichem Darmausgang. Da stellt sich doch die Frage, ob man sie dann überhaupt verbieten muss. Kann Sicherheit überhaupt geschaffen werden, oder ist der Hauptgewinn dieser Kontrollen, die Vermeidung von Angstattacken bei Fliegenden, die sich in scheinbarer Sicherheit wiegen. Das wäre dann ja auch ein Gewinn.

Also liebe Sicherheitsexperten. Wenn ich mich per Anschlag betätigen will, schrecken mich Eure Körperscanner nicht.  Ob man Abtüge bekommen kann?

Ich werde Sissi

Heute wollte ich mir ein Thema aus den Nachrichten für meinen Beitrag suchen. Doch es gibt keine Nachricht für 2010. EIne Koalition streitet sich darum, wer eigentlich die Macht hat und die CSU will einen Vizekönig. Man könnte meinen, dass sei ein Skandal. Eine Regierung, die sich mit sich selbst beschäftigt, bei all den Aufgaben die angepackt werden müssten. Doch ich bin froh. Alle bisherigen Ansätze zu regieren haben die Lage des Landes nicht sonderlich verbessert. Und eh meine (hoffentlich) zukünftigen Enkel noch mehr Schuldenberge durch Steuersenkungen aufgelastet werden, bin ich doch froh, wenn sich die Regierung um Vizekönigtume in München kümmert. Vielleicht sollte man den Freistaat Bayern mal wieder andenken. Dann könnten wir den Nordstaat gründen und die Grünen auch eine Vizekönigin ausrufen. Vielleicht werden dann meine Sissiträume endlich wahr.